„Wenn etwas kommt, lass‘ es kommen.
Wenn etwas bleibt, lass‘ es bleiben.
Wenn etwas geht, lass‘ es gehen!“

Verfasser unbekannt

Frühling ist die Zeit zum Aufräumen und Loslassen

In den letzten Wochen begegnen mir immer wieder wundervolle Menschen, in deren Leben es gerade sehr um das Thema „Loslassen“ geht. Dieses Thema betrifft zurzeit nicht nur einzelne Personen. Der Frühling ist spürbar da mit dem Kollektivthema „Loslassen“, das zurzeit viel von uns allen fordert und uns dazu auffordert, in unsere Selbstverantwortung zu gehen. Dazu gehört, Dinge zu verabschieden, die nicht mehr in unser Leben gehören bzw. sich von inneren Haltungen zu lösen, die wir in der Kindheit als Wahrheit bzw. Überzeugung über uns und das Leben angenommen haben. Mit anderen Worten: Jetzt darf aufgeräumt werden! Denn: Mit leichtem Gepäck reisen wir besser! Auch ich kenne dieses Thema sehr gut. Denn ich habe eine 10-jährige Tochter, die langsam flügge wird und in die Vorpubertät kommt. Sie dabei beobachten und begleiten zu dürfen, ist ein Geschenk der Extraklasse für meinen Mann und mich, denn wir wachsen in unserem eigenen Tempo mit in diese neue Größe hinein, die uns ihr Reifen schenkt. Wir dürfen Loslassen, damit sie sich weiter entwickeln und zu der werden kann, die in ihr steckt.

Loslassen ist somit auch Persönlichkeitsentwicklung und ein sehr dynamischer, lebendiger Prozess. Dieser Prozess hört niemals auf, sondern ist ein lebenslanges Werden und Wesen, das atmet und reift. Und je mehr sich unsere Tochter von uns weg bewegt, desto mehr dürfen wir ihr und uns vertrauen und sie in Absprache mit dem, was sich für uns alle gut anfühlt, gehen lassen. Sie ihr Revier erkunden und erweitern lassen. Weil sie es aus sich selbst heraus will. Weil sie es sich zutraut. Sie in sich und ihre Fähigkeiten vertraut. Und uns zu- und vertraut, dass wir ihre Entwicklung verkraften, unterstützen und mitwachsen. Das heißt, was wir jetzt loslassen dürfen, ist unser bisheriges Rollenverständnis vom Elternsein. Unser familiäres System ist in Bewegung und das Neue kann nur dann Einzug halten, wenn wir die alten Rollenbilder und Verhaltensweisen ablegen und gehen lassen.

Was bedeutet Loslassen?

Doch was bedeutet es eigentlich in der Tiefe, loszulassen? Diese Frage höre ich immer wieder. Und sehe die fragenden Gesichter wunderbarer Menschen vor mir, die schon so viel von sich und ihrem Leben verstanden haben. Zumindest mental. Nur dieses eine einzige Ding mit dem Loslassen… das hat es so in sich, dass sie einfach nicht wissen, wie sie das hin bekommen sollen. Dabei wollen sie es so sehr. Aber Loslassen können wir nicht durch eine mentale Leistung und unseren Willen erreichen. Es ist eine Herzentscheidung, die wir aus aufrichtiger Liebe zu uns selbst und zu Anderen treffen. Egal, was dabei heraus kommt. Was genau hat es also damit auf sich, mit diesem Ding vom Loslassen?

  • Heißt es, dass ich mein Kind „verliere“, weil es sich weiter von mir abnabelt und deutlich weniger mit mir und viel mehr mit Freunden zu tun haben will?
  • Heißt das, dass ich die Telefonnummer eines geliebten Menschen lösche, der mir gerade nicht geben kann, was ich von ihm erwarte, damit ich nicht ständig auf heißen Kohlen sitze und warte, dass er sich bei mir meldet?
  • Heißt es, dass ich in meiner Firma (zumindest innerlich) kündige, weil ich meine sich ständig streitenden Kollegen um mich herum nicht mehr ertragen kann, das Gehalt nicht bekomme, das ich mir wünsche oder die Personalentwicklung meines Unternehmens zu wünschen übrig lässt?
  • Heißt es, dass ich von etwas Abstand nehme, was mir eigentlich richtig viel bedeutet, ich aber gerade nicht mit meinem aktuellen Leben vereinbaren kann?
  • Heißt das, ich muss bestimmte Situationen und Umstände immer wieder in Kauf nehmen?
  • Heißt es, Sehnsüchte, Bedürfnisse und Interessen zu unterdrücken, damit ich mich mit bestimmten Umständen in meinem Leben arrangieren kann und ich mich am Ende darum betrüge?
  • Bedeutet das, kein Recht auf Wut, Ärger, Trauer oder Liebe zu haben, weil die Dinge nicht so laufen, wie ich es will und ich darauf verzichten soll, nur, damit Ruhe einkehrt und die Situation sich entspannt?

Ich kann euch beruhigen: Nein! Das alles bedeutet Loslassen nicht. Loslassen ist kein Konzept, welches darauf beruht, Dinge sein zu lassen, die wir uns wünschen bzw. die unseren tiefer liegenden Bedürfnissen entsprechen. Loslassen heißt nicht, Abschied zu nehmen von etwas, was wir uns wünschen und gerade nicht bekommen. Es bedeutet auch nicht, dass wir uns und unsere Werte und Ideale verraten müssen, damit der Sturm in und um uns herum sich legt. Das alles ist Loslassen nicht. Loslassen ist kein Konzept, dass Du aus einem Buch ablesen und erlernen kannst. Loslassen geschieht nicht über Nacht, weil Du es Dir vornimmst oder trotzig eine Entscheidung triffst, damit Du nicht mehr verletzt wirst und Deine „Ruhe“ hast. Und Dir damit vorgaukelst, dass Du die Kontrolle über eine Situation hast, weil Du sie für Dich entschieden hast, um die Ungewissheit nicht mehr ertragen zu müssen, die Dir eine Situation evtl. abverlangt. Die hier angesprochenen Lösungsansätze entspringen eher einer Schutzfunktion. Du machst zu, damit Dich etwas emotional nicht mehr erreicht und Dir weh tut. Das kann funktionieren, hat mit Loslassen aber nichts zu tun. In Wahrheit verschließt Du damit aber Dein Herz vor Dir und für Andere.

Loslassen ist eine innere Haltung

Loslassen bedeutet, im Vertrauen zu sein, dass die Dinge sich so regeln, wie sie sich auf natürlichem Wege – ohne Deine willentliche Einflussnahme – entwickeln würden. Loslassen ist ein Weg. Loslassen ist Persönlichkeitsentwicklung. Loslassen ist Hingabe an eine Dynamik, einen Prozess, den wir nicht steuern können, sondern laufen lassen müssen. Loslassen hat auch etwas mit Reife und Spiritualität zu tun – mit dem Glauben, bzw. dem tiefen Wissen darum, dass alles, was geschieht, aus einem bestimmten Grund geschieht und wir in letzter Instanz nicht die ultimativen Herrscher über den Ausgang einer Entwicklung oder Situation sind. Weil diese nicht (nur) von uns und unserem Willen und Wollen abhängen.

Loslassen bedeutet in letzter Konsequenz Hingabe an das, was gerade passiert und bedeutet in erster Linie: Annehmen, was ist. Zu akzeptieren, dass die Dinge gerade nicht so laufen, wie ich es mir wünsche oder es unbedingt haben will. Und glaubt mir: ich weiß, dass sich dieser Satz, diese Erkenntnis, so viel einfacher aussprechen und sich anderen Menschen sagen lässt, als ihn selber wirklich in der Tiefe zu verstehen und voll aufrichtiger Absicht umzusetzen.

Loslassen heißt, die Kontrolle abzugeben und dankbar zu sein für das, was ist

Ich kenne Menschen, die entweder durch eine schwere Erkrankung oder das Leid eines geliebten Menschen aus dem Umfeld hautnah miterleben mussten, was es bedeutet, loslassen zu müssen. Was ich damit meine, ist: von den äußeren Umständen her war für alles, für das Beste, für Menschenmöglichstes gesorgt, um den Ausgang der bestehenden Situation bestmöglich gewährleisten und steuern zu können. Und dann kam doch dieser eine unfassbare Moment, in dem nichts mehr getan werden konnte.

Dann war da nur noch diese Lücke zwischen: Ich habe alles getan, was ich tun konnte – und dem Warten auf den Ausgang einer Situation, in der kein Mensch in der Lage gewesen wäre, noch mehr zu tun, als das, was jetzt gerade ist. In dieser Phase, in diesen Atemzügen, im Nichts der Handlungsmöglichkeiten, griffen tiefe Demut und Hingabe an den einen Prozess, der jenseits unserer üblichen Kontrolle liegt: Hingabe und Vertrauen an und ins Leben. Es ging darum, Loszulassen und dem Leben bedingungslos zu vertrauen, die Situation zu entscheiden. Egal, wie sie ausgeht. Und ja, diese Momente, des Nichtwissens sind unerträglich, schmerzhaft und verlangen uns unendlich viel ab. Aber ob ihr es glaubt, oder nicht: es sind die Momente, in denen wir innerlich am meisten wachsen und stark werden. Wir geben eine Verantwortung ab, die wir sowieso nicht haben. Wir werden leicht, es wird still und dann geschieht das Wunder. Auch, wenn wir es nicht unmittelbar sehen und verstehen und es sich nicht direkt als Wunder offenbart. Die beiden Situationen, um die es hier ging, sind gut ausgegangen und seitdem hat sich vieles verändert im Leben dieser Menschen und ihrer Angehörigen.

„Mit jeder Herausforderung stellt das Leben Dir immer wieder die gleiche Frage. Das Leben fragt Dich: „Wirst Du jetzt bereit sein, Dein Herz zu öffnen? Oder soll ich Dir noch eine weitere Herausforderung schicken?“
Bahar Yilmaz

Jedes Ding hat zwei Seiten

Ich weiß, dass Loslassen sich für viele Menschen bedrohlich anfühlt, weil es mit „Verlust“ verbunden wird. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es am Ende etwas sehr Bereicherndes und Befreiendes ist – wenn Du bereit bist, Dir die andere Seite der Medaille anzusehen, die immer gleichzeitig AUCH vorhanden ist. Im Grunde genommen bedeutet es einfach nur: „Es ist, wie es ist. Aber es wird, was Du daraus machst!“ Um nur ein Beispiel zu nennen: Ich wusste 8 Monate vorher, wann, wie und woran mein Vater sterben wird, weil ich es gefühlt habe, obwohl es überhaupt nicht absehbar war. Diese 8 Monate waren geprägt von Angst, einer Art Entsetzen und auch dem Gefühl, mir selber nicht trauen zu können. Eigentlich war es eine Katastrophe für mich, denn ich habe meinen Vater sehr geliebt, obwohl er es mir nicht immer leicht gemacht hat, das zu tun. Ich kam durch die diffuse Gefühlslage, etwas zu wissen, was ich eigentlich nicht wissen konnte dann aber zu dem Punkt, anzunehmen, was nicht zu ändern ist und habe ab sofort jedes Treffen mit ihm sehr intensiv wahrgenommen. Ich habe die Zeit genutzt. Gespräche mit ihm geführt, seine Nähe gesucht, ihm Fragen über ihn und sein Leben gestellt, versucht, zu erfahren, wer er noch so ist und ihm immer wieder gesagt, dass ich ihn liebe. Und obwohl ich nicht wirklich wissen konnte, ob mein Gefühl am Ende stimmen würde, habe ich mich rückblickend innerlich in dieser Zeit bereits von ihm verabschiedet. Auch, wenn er das bewusst nicht gemerkt hat. Und ich gar nicht wusste, ob alles so kommt, wie ich es dachte. Und, ja, es war dann trotzdem ein Riesenschock, als ich am Morgen des 22.12.2016 erfuhr, dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte, an dem er 2 Stunden später sterben und ich ihn nicht mehr lebend sehen sollte. Trotz meines vorherigen „Wissens“ hatte ich über diese Situation keinerlei Kontrolle und war am Boden zerstört. Die Zeit zwischen der Information meiner Mutter und dem Ausgang der Situation kann ich nicht in Worte fassen. Ich weiß nur, dass dieses Erlebnis mich und meine Familie verändert, reifen und zusammen wachsen lassen hat. Und dass wir alle innerlich unglaublich gewachsen sind durch diese tiefgreifende Erfahrung. Dankbar für alles, was war. Dafür, dass wir da sind, denn ohne ihn gäbe es unter anderem uns Kinder nicht. Und unsere Tochter auch nicht. Die, die ich jetzt Loslassen darf. Und Loslassen heißt dann auch: sie übernimmt der Reihe nach immer mehr Selbstverantwortung und mein Mann und ich haben wieder mehr Zeit für uns.

Wirf‘ Deinen Ballast ab und Leinen los!

Also: was ich damit sagen will, ist: Vielleicht gelingt es Dir durch meine Impulse, Dinge, die sich jetzt gerade nicht ändern lassen, anzunehmen. Und eventuell sogar eine Haltung der Dankbarkeit zu kultivieren in Dir. Dafür, dass Du einen Job hast, obwohl Deine Kollegen manchmal nerven. Dafür, dass Du einem Menschen begegnet bist, der Dein Leben durcheinander schmeißt und den Du gern als Partner hättest – der aber gerade nicht kann, weil er mit sich selber beschäftigt ist. Dafür, dass es regnet, weil Du ahnst, dass morgen wieder die Sonne scheint. Oder übermorgen. Dafür, dass Du gesund bist und in einem Land lebst, in dem Du sicher einschlafen kannst. Dafür, dass Du Eltern hast, die jeden Tag ihr Bestes geben, auch, wenn sie Dich manchmal wahnsinnig machen. Ich glaube, dass die Kultur der Dankbarkeit und des Humors uns viele Dinge leichter annehmen lassen und uns mit tiefem Glück erfüllen. Dafür musst Du bereit sein, von DIR weg zu kommen und von Deiner Erwartungshaltung, dass es immer nach Deiner Nase geht. Je eher Du das annehmen und akzeptieren kannst, desto eher kannst Du wirkliches Glück empfinden. Weil Du siehst, was da ist und nicht, was fehlt. Mach‘ Dich leicht, wirf‘ ab, was Dich blockiert und Du wirst merken: wenn Du den ersten Schritt tust, dann ändert sich Dein Umfeld auch. Und zwar ganz von alleine – wenn Du es nicht mehr erwartest!

Ich wünsche euch einen wunderschönen Frühlingsbeginn und einen befreienden Frühjahrsputz in Sachen Loslassen!

Alles Liebe,
Eure Reenste